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Typenstudie Pyrenäen-Fernwanderer

Was macht den typischen Hochgebirgs-Fernwanderer in den Pyrenäen aus? Sind es eher Frauen oder Männer? Wie lange wandern sie üblicherweise am Stück? Welchen Altersgruppen gehören sie an? Diesen und ähnlichen Fragen wurde in einer Studie nachgegangen, die 2020 in einer Fachzeitschrift der alpinen Forschung veröffentlicht wurde.

Worum geht es?

Im April dieses Jahres hat Eric Chaigneau in einem Blogeintrag ein paar Ergebnisse einer Studie zusammengefasst, in der untersucht wird, welcher Typus Fernwanderer in den Hochgebirgszonen der Pyrenäen unterwegs ist. Eric ist Vorsitzender der Association des Amis GRdistes und Betreiber diverser Webseiten über Pyrenäen-Fernwanderwege (u.a. auch über den Pyrenäenweg GR10).

Die Grundlage für Eric‘s Blogeintrag ist eine Studie von Radu Cristian Barna aus den Jahren 2017-2018, der damals Masterstudent war und heute an der Université d’Angers lehrt und forscht. Die Originalstudie mit den ausführlichen Umfrageergebnissen wurde 2020 in der internationalen Fachzeitschrift Revue de Géographie Alpine / Journal of Alpine Research veröffentlicht. Radu Cristian Barna hat sie vor Kurzem auch als Open Source veröffentlicht, sie kann hier auf Französisch und hier auf Englisch nachgelesen werden.

Da ich die Studie interessant finde, habe ich Eric’s Zusammenfassung weiter unten ins Deutsche übersetzt, wobei ich dort, wo es eine Grafik gibt, die Prozentangaben nach Möglichkeit nicht im Text wiederholt habe.

Ergebnisse, kurzgefasst

Zu beachten ist, dass die Daten für die Studie lange vor den Corona-bedingten Reiseeinschränkungen erhoben wurden. Wer also seit März 2020 das Glück hatte, trotzdem in den Pyrenäen wandern zu können, könnte möglicherweise einen anderen Eindruck erhalten haben. Spätestens in 2022, vielleicht sogar schon diesen Sommer, dürften sich die Ergebnisse der Studie aber meines Erachtens wieder vor Ort widerspiegeln.

In der ausführlichen Originalstudie von Radu Cristian Barna sind viele weitere Aspekte untersucht, die in Eric’s Zusammenfassung, und somit in meiner Übersetzung unten, nicht erwähnt sind. Unter anderem geht Barna der Frage nach, was Wandern und Wanderer in den Pyrenäen und in den Alpen unterscheidet. Ebenso, was die Pyrenäen so speziell macht.

An den Ergebnissen der Studie finde ich folgende Erkenntnisse besonders interessant, da sie sich relativ gut mit meinen eigenen Beobachtungen decken:

  • Für viele Wanderer in den Pyrenäen steht der besinnliche, kontemplative Aspekt, also Einklang mit und Respekt vor der Natur, stärker im Vordergrund (der Weg ist das Ziel). In den Alpen eher der kompetitive Aspekt, also Leistung (möglichst viele Gipfel erstürmen, höher klettern, schneller als andere wandern, etc.).
  • Anders als gemeinhin gedacht, ist Wandern, insbesondere Fernwandern, bei jüngeren Menschen unter 30 Jahren durchaus beliebt. Ich persönliche vermute, dass das ein erfreulicher Aspekt der Rückbesinnung auf den Schutz der Natur ist, der in den letzten Jahren wieder verstärkt bei jungen Leuten zu beobachten ist.
  • Auch der Anteil der Frauen ist mit fast 50% deutlich höher als es oft den Anschein hat.
  • Mehr als die Hälfte der Fernwanderer in den Pyrenäen macht mehr als 20 Fotos pro Tag, was den genießerischen Charakter der Wanderung unterstreicht. Denn wer es eilig hat, den Gipfel zu erklimmen, oder wer seine Bestzeit im Schnellwandern knacken will, wird sich nicht die Zeit nehmen wollen, inne zu halten, um die Schönheit der Natur im Großen und im Kleinen wahrzunehmen, geschweige denn für Fotos.
  • In den Pyrenäen ist das Zelten/Biwakieren weit besser möglich als in den Alpen, wo es weitreichende Einschränkungen diesbezüglich gibt.
  • Die Pyrenäen sind weit weniger überlaufen als die Alpen; insbesondere in den Hochgebirgszonen der Pyrenäen trifft man nur wenige „Tageswanderer“.
  • Die Pyrenäen werden von Fernwanderern, die auch die Alpen bewandert haben, als ursprünglicher und „wilder“ empfunden als die dreimal so großen Alpen.

Wer die ausführlichen Ergebnisse nachlesen möchte, findet die Originalstudie über die beiden weiter oben angegebenen Links, sowohl auf Französisch als auch auf Englisch.

Im Folgenden also meine Übersetzung des französischen Originals des Blogeintrags von Eric Chaigneau. Viel Spaß beim Lesen.

Herzlichst
Euer Fuat


Profil der Fernwanderer im Hochgebirge der Pyrenäen (2017-2018)

In den Jahren 2017 und 2018 führte Cristian Barna, damals Masterstudent im Fachgebiet „Entwicklung ländlicher Gebiete“ am Centre Universitaire de l’Ariège in Foix, eine Studie über das typische Profil der Fernwanderer im Hochgebirge der Pyrenäen durch. Derzeit ist er Dozent und Forscher an der Université d‘Angers – UFR ESTHUA, und hat vor Kurzem seine Diplomarbeit online und als Open Source veröffentlicht.

Verstehen, vorbereiten und begegnen

In der Vorbereitungsphase hat Cristian Barna mehr als 25 Alpinismus-Experten, Verbandsmitglieder und Vertreter von Organisationen getroffen, um einen tieferen Einblick in die besondere Welt des alpinen Fernwanderns zu bekommen. Nach diesen Treffen tauchte Cristian mit einem gut vorbereiteten und zielgerichteten Fragebogen in die Welt des Pyrenäen-Fernwanderns ein, um den berühmten „Gefangenen“ der Berge zu begegnen.

Wer sind sie? Was sind ihre Eigenschaften? Was suchen sie? Wieviel Zeit verbringen sie in den Bergen? etc… Dies sind alles Fragen, die Cristian in einem umfangreichen Fragebogen zusammenfasste, den er dann 166 Fernwanderern vorlegte, die er vor Ort traf (in den Pyrénées-Ariégeoises und Pyrénées-Centrales). Einige von ihnen waren auf großen Fernwanderwegen unterwegs, wie dem GR10, dem GR11 und der HRP.

Dank dieser Grundlagenarbeit ermöglicht es Cristian Barna uns, einen neuen Blick auf diese Fernwanderer zu werfen, die zu verstehen und zu beschreiben oft schwerfällt, und über die sich bestimmte Vorurteile hartnäckig halten.

Hinweis! Diese Studie bezieht sich nicht auf „Tageswanderer“, sondern nur auf Fernwanderer die mehr als 3 Tage unterwegs sind.

Männer und Frauen in ausgewogenem Verhältnis

Das Verhältnis von Wanderern (52%) und Wanderinnen (48%) ist ausgewogen.

Alpines Fernwandern ist zum Glück keine Aktivität, die speziell dem einen oder anderen der beiden Geschlechter vorbehalten ist. Die Frauen sind fast so zahlreich vertreten wie die Männer. Erfreulicherweise schreckt es sie nicht ab, einen schweren Rucksack zu tragen und damit lange Strecken zu wandern.

Die Mehrzahl sind Menschen jünger als 30 Jahre

Die Verteilung der Wanderer nach Altersgruppen stellt eine große Überraschung dar. Sie räumt mit dem völlig von Vorurteilen geprägten Gedanken auf, wonach Berge und Bergwandern Aktivitäten der „Alten“ seien!

Die Beobachtung zeigt ein ganz anderes Bild:

Altersverteilung

Der falsche Eindruck, dass es in den Bergen mehr Senioren gäbe, basiert auf der Tatsache, dass junge Wanderer nur selten traditionelle Herbergen aufsuchen. Die jungen Leute zelten oder biwakieren oft. Dadurch sind sie sehr unauffällig und bleiben oft von Fachleuten (Anm. Fuat: z.B. Hüttenbetreiber) unbemerkt.

Schüler und Studenten sind große Anhänger von Fernwanderungen

Mit einem Anteil an Schülern und Studenten von mehr als 31,8%, ist das Fernwandern eine bei „Jugendlichen in der (Aus-)Bildung“ sehr beliebte Aktivität. Die anderen soziologischen/beruflichen Kategorien, in die Fernwanderer fallen, sind ausgewogen vertreten und stellen keine Überraschung dar.

Tätigkeitsfelder

Ein- bis Zwei-Wochen-Touren am häufigsten

Auf die Frage, wie viele Tage am Stück sie wandern, gab eine Mehrheit (45,5%) der Wanderer 6-13 Tage an.

Dauer der Wanderung

Ein erwiesen internationaler Ruf

2017 und 2018 waren 55% Franzosen, 15,6% Spanier, 12% Deutsche und 17,4% Andere (Schweizer, Nord- und Osteuropäer) auf französischen Wanderwegen zu verzeichnen, mit umgekehrtem Verhältnis von Franzosen und Spaniern auf spanischen Wanderwegen.

Herkunftsländer

Die Fernwanderwege der Pyrenäen sind nicht nur bei Franzosen beliebt, sondern auch bei vielen Ausländern. Der internationale Bekanntheitsgrad der Pyrenäen ist also erwiesen.

Nicht nur Zahlen, Daten, Fakten

Cristian Barna hat den Typus des Pyrenäen-Fernwanderers nicht nur anhand von sehr spezifischen Kriterien charakterisiert, sondern hat auch dessen Motivationen analysiert, sowie dessen „Ansichten“ über den Sinn des Fernwanderns und über dieses großartige Fleckchen Erde, die Pyrenäen.

Wenn Sie mehr erfahren möchten, empfehlen wir Ihnen, Christian Barna’s Diplomarbeit zu lesen, an der ich im Namen der Association des Amis GRdistes mitwirken durfte.

Von Eric Chaigneau, Vorsitzender der Association des Amis GRdistes

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