GR10 Etappe 2: Olhette – Ainhoa


„Sometimes, walking with a friend, I forget the world.“ (Grace Paley, US-amerikanische Schriftstellerin und Friedensaktivistin, 1922-2007)

Auf der zweiten Etappe des GR10 tauchen wir nun weiter ins Pays Basque ein. Am Nordhang des La Rhune entlang, begegnen wir der Zahnradbahn, die vom Tal bis hoch hinauf auf den 905m hohen Berg fährt. Nach einer kleinen Stärkung in Sare wandern wir mit leichtem Auf und Ab weiter bis nach Ainhoa, einer Kleinstadt mit vielen urtypisch Baskischen Fachwerkhäuslein.

Strecke: 21,2 km, Aufstieg 879 Hm, Abstieg 826 Hm

Am Morgen frühstücken Yve, Paul und ich zusammen mit den anderen Gästen der Gîte und bereiten uns auf die Etappe vor. Nach dem Frühstück prüft jeder nochmal, ob er auch alles eingepackt und nichts vergessen hat. Als ich den Rucksack aufsetze, erinnere ich mich an Andrés Warnung vom Abend. Tatsächlich kommt mir der Rucksack heute schwerer vor – wahrscheinlich wegen des Muskelkaters, den ich als Ergebnis der gestrigen Etappe deutlich spüre.

André wirft mir einen wissenden Blick zu, schmunzelt und versucht ein letztes Mal freundlich, an meine Vernunft zu appellieren: „Du solltest wirklich einiges an Gewicht loswerden, sonst wirst du dich quälen, glaub‘ mir.“ Ich danke lachend und versuche, mehr mich als ihn zu beschwichtigen: „Ach, es wird schon gut gehen, in ein paar Tagen werde ich mich an das Gewicht gewöhnt haben, denke ich.“ André zuckt nur lächelnd mit den Achseln und mahnt: „Du wirst dich an meine Worte erinnern.

Bon courage

Im Geräteschuppen schnappen wir unsere Wanderstöcke und ziehen uns unsere Ponchos über, da es wieder regnet. Mit einem herzlichen „bon courage“ verabschieden André, seine Frau und Kinder uns vor dem Haus und winken uns hinterher. Da war er wieder, der Begriff, den ich gestern in Biriatou das erste Mal gehört habe. Zu diesem Zeitpunkt ist mir die Bedeutung dieses Ausdrucks immer noch nicht so ganz klar und ich frage mich sehr naiv, warum man uns Mut zuspricht. Ist der Pyrenäenweg so beschwerlich oder gar gefährlich, dass er Mut erfordert? Auch Yve und Paul hören den Begriff zum ersten Mal und können sich keinen wirklichen Reim drauf machen.

In den folgenden Tagen hören wir diesen Ausdruck immer wieder, sowohl von Herbergswirten als auch von anderen Wanderern, und auch von ganz normalen Leuten in den Dörfern. Und wir begreifen bald, dass das der übliche Wanderergruß ist und nur am Rande mit unserem Verständnis von „Courage“ zu tun hat.

Kleiner Einschub an dieser Stelle: Im Laufe meiner Wanderung habe ich mich irgendwann an das Lied „Hänschen klein“ aus der Grundschule erinnert, in dem es ja heißt: „Hänschen klein ging allein, in die weite Welt hinein. Stock und Hut stehen ihm gut, ist gar wohlgemut.“ Da machte es plötzlich „Klick“: irgendwie muss der „Mut“ in „wohlgemut“ mit dem „courage“ aus dem französischen Wanderergruß zusammenhängen, fand ich. Ganz sicher war ich mir nicht, denn „wohlgemut“ bedeutet ja eher sowas wie „gut gelaunt, heiter, vergnügt“. Aber ab diesem Zeitpunkt musste ich jedes Mal schmunzelnd an das Liedchen denken, wenn mir „bon courage“ zugerufen wurde. Und ich war ja auch wie das kleine Hänschen in der weiten Welt unterwegs – mit Stock und Hut 🙂 .

Aber zurück zur Etappe. Der Weg führt uns zuerst zum Col des Trois Fontaines (563m). Anders als der Name vermuten lässt, können wir aber keine Quellen oder Brunnen erkennen und wundern uns.

Kurz darauf erreichen wir den Rand eines kleinen Wäldchens, und da sich der Regen verstärkt, beschließen wir, im Schutz der Bäume am Waldrand eine kleine Snackpause einzulegen. Paul, der wie gestern nur mit T-Shirt unterwegs ist, ist bis auf die Unterwäsche durchnässt, aber nimmt es sportlich und lacht. Er hatte ja schon gestern erläutert, dass er keine Ponchos oder Regenjacken mag und ihm, solange er marschiert, auch nicht kalt ist. Jetzt, wo wir pausieren, wird ihm aber doch ein bisschen kühl im Wind und er zieht sich ein Sweatshirt über das T-Shirt.

Petit Train de La Rhune

Nach 10 Minuten lässt der Regen nach und wir machen uns wieder auf den Weg. Hinter dem Wäldchen führt der Weg durch eine Senke mit einer Viehkoppel und einem winzigen Bächlein, das einem matschigen Marschland entspringt. Auf einem kleinen Holzschildchen am Wegrand steht „Les Trois Fontaines“. Wir schließen daraus messerscharf, dass die Quellen, die dem vorhin überquerten Col seinen Namen geben, wohl irgendwo hier gut versteckt dem Boden entspringen.

Bergstation des Petit Train de La Rhune. Gut sichtbar der Gleisverlauf ins Tal.
Bergstation des Petit Train de La Rhune. Gut sichtbar der Gleisverlauf ins Tal.

Bald erreichen wir am Sattel zwischen dem Altxanga (625m) und dem La Rhune die Gleise des Petit Train de La Rhune (*1). Die kleine Zahnradbahn fährt seit 1924 mehrmals am Tag die über 700 Höhenmeter zwischen dem Col de Saint Ignace und dem Gipfel des La Rhune (905m) hoch und runter und ist bei Touristen beliebt. Da gerade kein Zug in Sichtweite ist, überqueren wir die Gleise (542m) und folgen dem holprigen, regennassen Pfad rechts der Gleise bergab.

Als der Pfad uns schon ein gutes Stück bergab gebracht hat, sehen wir auf der linken Seite weit über unseren Köpfen den Bummelzug, wie er sich entlang des Grates tapfer Richtung La Rhune hochkämpft, und schauen ihm eine Weile hinterher. Der La Rhune selbst versteckt seinen Kopf im Grau der Regenwolken.

Paul ist bei Aufstiegen stets schneller als Yve und ich und geht dann kraftvoll voran. Bei Abstiegen hingegen hat er oft Probleme mit Knieschmerzen, weswegen er bergab nur langsam vorankommt, so auch jetzt. Daher schlagen die beiden vor, ich solle bis Sare vorangehen, da ich bergab schneller bin. Dieses Laufschema wird sich die nächsten Tage oft wiederholen.

Der aufgrund des Regens stellenweise sehr rutschige Weg führt nun durch mannshohe Farnwiesen und kleinere Wäldchen hinab Richtung Sare. Hin und wieder passiert er Ruinen von Scheunen und kleine Steinhäuschen mit eingestürzten Dächern. Entlang des GR10 werde ich noch hunderte solcher Ruinen sehen.

Stärkung in Sare

Nach einer Weile flacht der Weg ab und geht in einen asphaltierten Feldweg über. Rechts unten kann ich Dächer einer Siedlung erkennen. Vorbei an kleineren und größeren Bauernhöfen schlängelt sich der Weg mit leichtem Gefälle ins Tal, führt zwischendurch noch einmal kurz über unbefestigte Pfade, dann wieder auf eine befestigte Straße. Zügig geht es nun bergab bis zur Umgehungsstraße bei Sare.

An einem Pfosten an der Kreuzung sind mehrere gelbe Wanderschilder angebracht, die bei mir mehr Verwirrung stiften als sie Orientierung bieten. Am Wohnmobil-Parkplatz auf der anderen Straßenseite steht so etwas wie ein Haltestellenhäuschen, unter dessen Vordach ich kurz anhalte, um den Wegverlauf auf der Karte und den GPS-Track im Handy zu prüfen. Der Weg laut Karte würde mich an Sare vorbei weiterführen, aber ich möchte ja zur Ortsmitte, um die dortigen Herbergen zu recherchieren.

Yve und ich in Sare
Yve und ich in Sare

Ich gehe am Parkplatz entlang nach links und entdecke nach 50m bei einem Brunnen wieder die rot-weißen Markierungen des GR10. Über eine kurze, asphaltierte Stiege geht es rechts in den Ort hinein. Vorbei am Fronton – dem in vielen Orten im Baskenland üblichen Platz, auf dem das traditionelle Ballspiel Pelote Basque gespielt wird – und der Kirche von Sare, gelange ich zur Ortsmitte (77m). Auf der mit großen Schirmen überdachten Terrasse des Hôtel-Restaurant Arraya lege ich Poncho und Rucksack ab und lasse mich in einen der Plastikstühle fallen. Auf dem Gehweg neben der Terrasse strecken herrliche Platanen ihre Äste aus. Hier will ich auf die beiden warten.

Ich würde gerne hineingehen ins Warme, aber da Hose und Stiefel vom Regen und das T-Shirt vom Schwitzen klatschnass sind, bleibe ich auf der Terrasse und bestelle einen Kaffee. Um Yve und Paul die Verwirrung an der Umgehungsstraße zu ersparen, rufe ich Paul auf dem Handy an. Zum Glück hat er bereits Empfang und ich informiere ihn, dass sie dort nicht den gelben Schildern folgen sollen, und wie sie zur Ortsmitte kommen.

Der Regen hat inzwischen zwar etwas nachgelassen, aber ein steter Nieselregen und grauer Himmel sind auch nicht das Gelbe vom Ei. Während ich warte, erkläre ich dem Besitzer, dass ich einen Wanderführer über den GR10 schreiben werde und erhalte von ihm die Infos, die ich für das Buch benötige. Anschließend spaziere ich ein wenig um den Platz und notiere für mein Buch, welche Geschäfte es noch gibt. Bei einem kleinen Stand direkt am Hotel kaufe ich mir ein Süßgebäck, gehe zurück zur Hotelterrasse und bestelle noch einen Kaffee.

Paul und ich in Sare
Paul und ich in Sare

Nach einer Weile biegen Yve und Paul um die Ecke und eilen freudig lachend in meine Richtung, als ich ihnen zuwinke. Wie ich, sind auch die beiden von Kopf bis Fuß nass und sind froh, jetzt erst mal einen heißen Kaffee trinken zu können. Da wir inzwischen auch alle einen Riesenhunger haben, bestellen wir auch gleich etwas zu essen.

Nach Ainhoa und Dantxaria

Nachdem wir uns gestärkt haben, verlassen wir Sare über eine Kopfsteinpflastergasse nach Süden. Kleine Asphaltstraßen, an denen immer wieder typisch baskische Fachwerkhäuser stehen, wechseln sich ab mit Kopfsteinpflaster und Feldwegen, und führen uns bis nach Lehenbiscay und weiter bis Istillarté. Wir durchqueren den Weiler und folgen der Landstraße aus dem Ort hinaus. Nach einigen Kilometern mit leichtem Auf und Ab kommen wir an eine Schotterpiste direkt an der Französisch-Spanischen Grenze (110m). Obwohl wir schon gestern an den Ventas d’Ibardin direkt an der Grenze waren, sind die beiden Australier amüsiert, dass die Grenzlinie lediglich aus einer hüfthohen Hecke besteht und diese auch nicht durchgehend ist.

Die Schotterpiste trennt sich bald von der Grenze und führt uns an einem kleinen Wald entlang nordwärts. Dann verlässt der Weg die Schotterpiste und führt auf einem Fußpfad an einem kleinen Bach entlang. Da der Pfad aufgrund des Dauerregens recht schlammig ist, rutschen wir immer wieder aus und ein paar Mal lande ich auf dem Hosenboden. Wir bemerken, dass die etwas weiter rechts verlaufende Schotterpiste ebenfalls dem Bachverlauf folgt, weichen daher dorthin aus und kommen nach einer Weile zur Pont du Diable (53m) über den Fluss La Nivelle an der Landstraße D4.

Von hier aus sind es noch gut 3 km auf Schotterpisten und Waldpfaden bis nach Ainhoa, mit gut 60 Höhenmetern Aufstieg, und anhand unserer bisherigen Geschwindigkeit schätze ich, dass wir noch 1 Stunde brauchen werden. Wie ich sind auch Yve und Paul recht erschöpft und Paul hat Knieschmerzen. Sie entscheiden sich daher, 2,5 km auf der weitgehend flachen D4 bis zum Grenzort Dantxaria (*2) zu gehen, um dort in einem Hotel zu übernachten und die morgige Etappe von dort zu beginnen.

Yve und ich an der Französisch-Spanischen Grenzlinie (die Hecke)
Yve und ich an der Französisch-Spanischen Grenzlinie (die Hecke)

Wir verabschieden uns voneinander und nach einer knappen Stunde erreiche ich die Ortsmitte von Ainhoa (123m). Diese hübsche baskische Kleinstadt mit unzähligen Fachwerkhäusern mit dem typisch roten und gelegentlich grünen Fachwerk, ist im Sommer ein Touristenmagnet und zieht Besucher aus aller Welt an. Im kleinen Erzeugerladen gegenüber der Kirche kaufe ich mir Wurst und Käse, besorge mir Brot und mache mich auf den Weg zur Wanderherberge am nördlichen Ortsrand, in der ich heute schlafen möchte.

Am Grundstückseingang des Gîte d’étape et Camping Harazpy steht ein kleines Wärterhäuschen, in dem ein älterer Herr an einem Schreibtisch sitzt. Mit meinem etwas eingerosteten Französisch schaffe ich es, einen Schlafplatz in der Gîte zu buchen und kaufe eine Duschmünze. In der Gemeinschaftsküche mit großem Esstisch sitzt bereits eine Gruppe von 5 Franzosen und Französinnen. Gut gelaunt rufen sie mir „bonsoir“ zu und bieten mir auch sogleich ein Gläschen Wein an. Ich danke lachend und erkläre mit Händen und Füßen, dass ich zuerst aus den schmutzigen, nassen Klamotten raus muss und duschen möchte.

Ich suche mir eines der freien Betten aus, ziehe Wechselklamotten und Waschbeutel aus dem Rucksack und bringe meinen Proviantbeutel in die Küche. Nach dem Duschen fühle ich mich gleich viel besser. Nachdem ich auch zu Abend gegessen und abgespült habe, setze ich mich zu den Anderen und verbringe einen lustigen Abend bei Wein und Kaffee. Als die Anderen zu Bett gehen, bleibe ich noch in der Essküche sitzen, höre wieder meine tags aufgenommenen Sprachnotizen ab und schreibe sie handschriftlich auf. Wieder bin ich der letzte, der das Licht ausmacht.

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Anmerkungen:

*1: Das Foto vom Petit Train de La Rhune habe ich im Sommer 2019 bei einer kurzen Wanderung auf der HRP (Haute Route Pyrénéenne) aufgenommen, die ich abbrechen musste. In einem Blogeintrag habe ich darüber geschrieben.

*2: Wer auf dem GR10 unterwegs ist und Herbergen und Camping in Ainhoa eventuell alle belegt sind, kann sein Glück im 2,5 km entfernten Dantxaria versuchen. Auf der französischen Seite gibt es dort das Hôtel-Restaurant Ur-Hegian und den Camping Xokoan. Auf der spanischen Seite gibt es offenbar eine Pension Beotxea.

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